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Klangzaubereien mit Luftballons
Ausblick
- Der New Yorker Komponist Steven Michael Noll kommt am Sonntag mit seiner Performance „Ether Music“ ins Kommunale Kino nach Weiterstadt

WEITERSTADT. Steven Michael Noll ist ein argloser Mensch. „Natürlich hat ein Rechner keine Seele – aber er reagiert so feinfühlig, als hätte er eine“, erklärt er und zwinkert ein wenig, „wir müssen ihm vertrauen.“ Das Sensorium des Computers ist bei ihm eine simple Überwachungskamera, wie wir sie aus dem Internet als Webcam kennen. Sie wandelt Farben und Kontraste in Ziffern um und ein handelsüblicher Laptop-Rechner formt daraus Klänge. Die Stimmen und Instrumente, die wir nun hören, sind nichts anderes, als Rechenvorschriften oder Algorithmen, wie der Informatiker sagt. Geschaffen hat sie Steven Michael Noll aus New York, der sich derzeit in Deutschland aufhält.
Der heute 46 Jahre alte Musiker kam 1981 schon einmal hierher – damals hatte er gerade seinen Master of Arts absolviert. In den USA hatte er Musik und Komposition studiert und wollte einen Kollegen in Ober-Ramstadt besuchen. Nach kurzer Zeit bot man ihm eine Stelle als Pianist an der Waldorfschule in Bessungen an, und er beschloss, vorübergehend hier zu bleiben. Daraus sind dann fast sieben Jahre geworden. Damals lernte er den Elektronik-Musiker Claus-Uwe Rank kennen, mit dem er ein Projekt für Neue Musik gründete und dessen Aufnahmen immer noch hörenswert sind. Rank führt heute ein Web-Seiten-Unternehmen in Buchschlag und fand Noll jetzt im Internet wieder.


 

Photo: Jürgen Schmidt 




 

Noll lebte in der Zwischenzeit vor allem von seinen Einkünften als Pianist eines Theaters in New York. Doch die Neue Musik hat ihn nicht losgelassen. Als er die E-Mail von Rank bekam, war er gerade dabei, einige Auftritte in Berlin zu planen – so sagte er sofort eine Performance im Kommunalen Kino in Weiterstadt zu. Im Vergleich zu früheren Tagen, in denen tonnenschwere Elektronik auf die Bühne gekarrt wurde, ist sein Equipment eher bescheiden: Ein Tischcomputer, zwei Luftballons und die kleine Überwachungskamera – wenig genug, um auch in kleinen Kunstgalerien aufzutreten.

Noll programmierte zunächst so genannte Hüllkurven. Sie zeigen einen einzelnen Ton in seinem dynamischen Verlauf – im einfachsten Fall mit Anschwellen, Absenken, Klingen und Vergehen. Dazu kommen die Dauern und die Tonhöhe. Damit daraus ein Klang wird, werden Obertöne in verschiedenen Wellenformen hinzugefügt, deren Tonfolgen sich fortlaufend verändern. Daraus entstehen in Nolls Rechner virtuelle Instrumente, die ein Spektrum vom Sphären-Sound bis hin zum Tuva-Gesang abdecken. Je nachdem, wie das Publikum reagiert, bewegt er seine Luftballons vor der Kamera und über die Lautsprecher erklingt interaktive „Ether Music“, wie er sie nennt – und Äther ist nach der griechischen Mythologie der Urstoff allen Lebens.

Nolls Live Performance „Ether-Music“ ist am Sonntag (29.) um 15 Uhr im Kommunalen Kino Weiterstadt im Bürgerzentrum, Darmstädter Straße 36-40 (Eingang Carl-Ulrich-Straße) zu erleben.

Marc Mandel im Darmstädter Echo
28.2.2004